Der Proletarier-Club zu Prag 1859

Unbekannt ·Reychsgeschichten

Beschreibung

Die Gründung des Proletarier-Clubs in Prag, aus dem Schlaraffia hervorging

Volltext

Etwas anderes aber ist es schon mit dem
" Eng e r e 11 Aus s c h u ß" i n H eid e I b erg.
Hier kommen uns sofort freudig die Lieder "Alt Heidelberg, du feine" und
"Das war der Zwerg Perkeo im Heidelberger Schloß" in den Sinn. Wir wan­
deln sogleich auf "G a u d e a mus" (Jos. Vikt. von Scheffels)-Spuren und
sehen ihn als "Meister Josephus vom dürren Ast" als begeistertes Mitglied
der frohen Tafelrunde. "Der Eng e r e Aus 5 ch u ß ", 1842 im Heidel­
berger "Pechkranz" gegründet, in j\t1eister oder Ritter und Schüler sich glie­
dernd und hervorragende Leistungen mit Orden (insbesondere dem Meidinger­
orden für gute Witze) lohnend, hatte seinen Gründer Geschichtsprofessor
Häußer und andere im Jahre 1849 nach Auerbach fliehen sehen und diese
sich wieder in einem "Engeren Ausschuß" finden lassen. Das "Gaudeamus,
Lieder aus dem Engeren und Weiteren", und die naturhistorischen Lieder ("Es
rauscht in den Schachtelhalmen"
führen auf die Erlebnisse im Engeren
Ausschuß zurück, wie die Vorrede zu jenem besagt:
"Was er (der Genius) mich lehrte, bmcht' ich in deH El1gem,
wo eine treubewiihrte FreuHdesschar
den Mittwodt il1 del1 DOlmerstag zu liil1gem
bei goldl1em Rheinweil1 oft beflissel1 war."
Und wir ziehen mit "Gaudeamus" weiter zur
"Gemeinde Gabelbach"
unweit Ilmenau. Uns wundert nicht, daß er zum ersten Gemeindepoeten von
der "Gemeinde Gabelbach" erkürt wurde, die, um "bei Trank- und Rauch­
opfern des Lebens Ungemach und schmerzende Kadelstiche zu vergessen", sich
1 8 :; 9 gründete und später durch seinen Freund Schwanitz eine Verfassung
erhielt, die in ihrem Gemeindeschl.llzen, -vorsitzenden, -schreiber, -poet,
-schatzmeister, -di ener an die schlaraffische erinnert, einen Orden, ein eigenes
Organ
Henne) hatte und einem Dutzend Kachgründungen verehrungs­
volles Vorbild wurde.
Jünger als Schlaraffia ist
,.. Das Niederland",
das uns deshalb interessiert, weil es nach dem 2. Weltkriege ebenfalls in alter
Kraft und in gewohnter Weise weiterexistiert und weil es ganz ähnliche Ziele
und Bestrebungen hat und
wie unser Bund und sich vomehmlich auf
musikalischem,
dichterischem und zeichnerischem Gebiete betätigt. Die
"Niederländer" taten sich 1 S 70 in Bayreuth auf, weshalb letzteres als die
" Urs t ä t t" bezeichnet wird. Es folgten die "NiederJändtisch Sozietäten"
in "Virtzbourgh" (Würzburg), "Der Mahlkasten" genannt, dann in "Mönch­
statt" (München) "Der Krug", in "Norfmbergh" (Nürnberg) "Die Treek­
schuyten", in "Eil1Stätt" (Eichstätt) "Der SchiIderbent", in "Babenbergh"
(Bamberg) "Die Geußkannen", in "Dryhelmenstätt" (Landshut) "Die Warte",
in "Onolzbach" (Ansbach) "Die Grachten", in "Ingeldorp (Ingolstadt) "Das
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Veldtlaager", ansonsten in Neuburg a/Donau "Die Fähr amb Danubstrand",
in "Ratisbona" (Regensburg) "Die Bruck'n", in der "Drystromstätt" (Passau)
"Der Waterbak", in "Augusta Vindelicorum" (Augsburg) "Derer Zwaaben­
bourgh -
Lueg in d' Landt", in "Kizzedle" (Bad Kissingen) "Der Smarpf­
Bron" usw. bis hinauf nam Kiel.
Ihre Zeitremnung ist das "Jahrtausend"; das Gründullgsjahr 1870 war das
I. Jahrtausend, heute dürften sie also im 89. Jahrtausend leben. Ihre Mit­
glieder tragen aum eine Art "Rüstung", das "Wämslin", das "Barett" etc.
Ebenso sind die profanen "vulgären" Namen abgelegt. Sie nennen sim "Myn­
heers" und haben einen "Ur-Mynheer"; ihre angenommenen Namen im
Bunde sind "niederlandisiert" mit dem niederländismen "van" davor.
In früheren Jahren waren zugehörig vor allem Offiziere, dann Beamte,
Ärzte, Remtsanwälte usw. (Künstler ganz vereinzelt). Die Gesamtheit der
Societäten nennt sim
"Allniederland".
In der Regel alljährlim findet "die große Weltumsegelungh" gen "Pappin­
heimb" (Pappenheim) statt mit der Erstürmung von Smloß und Burg Pappen­
heim, die sim zu einer Art Volksfest für die Ortsbevölkerung gestaltet.
Ämter, Würden und Bezeimnungen gibt es die Menge; so die Singer und
Fiedler, die Bildhauer und Maler, die Ratsherren, den Schiffskapitän, die
Spinettisten und Lautenisten, die Po etas und Musikgildtner, die Verslyn­
smmiede, die Smlämplynisten, die Quer- und Blempfeifer, die Reimspinner und
und aum die "verkumben Genies" sowie als passives Element die Smützen­
gildtner.
Es wäre nom zu sagen, daß die Mynheers alljährlim ca. 8 Thematas
(Arbeiten) gestellt bekommen, die sie auf ihre Weise (dimterism, bildnerism,
musikalism, usw.) zu lösen und zu bearbeiten haben.
Besonders herauszustellen aber sind nom die beiden
Ludlamshöhlen in Prag und Wien
Der Wesenszwed< und das Leben und Treiben in der zu Ende des 18. und im
Anfang des 19. Jahrhunderts in Pr a g bestehenden Ludlamshöhle ist
von künstlerismer und volklimer Ebene aus betramtet mehr als interessant.
In der Ludlamshöhle saßen die jungen Dimter und Komponisten, die deutsmen
und die tsmemismen, einträmtig beisammen. Kein Mißton entstand, wenn
nom in späteren Jahren der junge Kar! Egon Ebert (der später so berühmte
und gefeierte Dimter Ritter von Ebert) -
ihm zur Seite der herausragende
Dimter und Smriftsteller Alfred Meißner -
die Stoffe für seine Gedimte dem
altdeutsmen Sagen- und Gesmimtskreis entnahm. SmiIler und Goethe wirkten
in ihm mämtig nam. Eine nahe Freundsmaft verband ihn damals nom mit
Palacky (der aber dann später als Führer der Tsmemen den Satz aufstellte:
nur die Tsmemen seien beheimatet in Böhmen, die Deutsdlen seien nur
Gäste!).
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Die Deutschen und Deutschbähmen in der Prager Ludlamshähle unterstützten
voll warmer Sympathie die Mühen der tschechischen Freunde um Hebung des
eigenen Volkstums. Neben aU dem Froh-Heiteren waren sie erfüllt von einem
ernsten, idealen Schaffens trieb im Sinne eines välkerversähnenden. über der
Parteien Haß und Gunst erhabenen Geistes und Ethos. Sie hatten nicht Anteil
an Politik und kümmerten sich nicht um trube und versteckte Ränke der
anderen Seite.
Näheres über Brauchtum der Ludlamshähle in Prag, über ihre Mitglieder usw.
ist nicht bekannt. Doch ist bestimmt anzunehmen, daß Carl Maria von Weber,
der 1813 zur Leitung der Prager Oper nach Prag gekommen war und mit
Feuereifer nnd Elan der absinkenden Oper wieder zu neuem Aufschwung ver­
half, der aber auch die Lieder der Prager Dichter und Sänger vertonte. zum
Kreise der Prager Ludlarniten zählte. die man in ihrem doch vornehmlich ideel­
len und ethischen Streben anders einschätzen muß als die feuchtfrähliche,
heitere, in ihrem Getriebe sehr an Schlaraffia anklingende
"Ludlamshähle" in Wien,
die der Dichter und Schriftsteller Castelli in seinen Memoiren "Leben eines
Wlener Phäaken" so rühmt. Lassen wir uns durch ihn ins Schlossergäßchen
und auf einem Fasse reitenden nackten Bachus vorbei in die Ludlamshähle
führen. Er sagt uns: Es 11at nie und nirgends eine fröl1lid1ere, lebenslustigere
uHd dabei harmlosere GesellsG1aft gegebe/1 als die sogenannte Ludlamsgesell­
sd1aft it1 Wiel1.
Schon in den Jahren 1816 und 1817 kamen viele lustige Jünglinge im Gast­
hause zum Blumenstöckchen und Ballgäßchen täglich abends zusammen und
unterhielten sich in Gesprächen, mit Gesang von Gesellchaftsliedern und auch
mit Disput über Kunstfragen; es waren Schauspieler, Sänger, Musiker, u. a.
auch der Capellmeister Benedikt und der bekal111te Deklamator Sydow. Da
geschah es, daß im "Theater an der Wien" Oehlenschlägers ßLudlamshöhle"
zum ersten Male gegeben wurde. Die ganze Gesellschaft verabredete sich, die
Vorstellung zu besuchen und danach die einzelnen Meinungen darüber im gu­
ten und gemütlichen Gasthause im Schlossergäßchen auszutauschen. Hierher
kam auch Oehlenschläger selbst. Sein Stück, obwohl geistreich, war von ge­
ringer theatralischer Wirkung gewesen, Grund genug, darüber einen bis 2 Uhr
morgens dauernden Kunst- und Meinungsstreit zu entflammen. Das 11eue
Lokal entsprach der Gesellschaft nach jeder Richtung so gut, daß man von dem
Anerbieten des Wirtes, ihr den Raum zu überlassen, Gebrauch machte. Dies
war der Ursprung der "Ludlamshöhle", die in diesem Gasthause entstand und
bis zu ihrer Auflösung dort verblieb. Die Gesellschaft festigte und vergrößerte
sich mit jedem
mehr. Heiterkeit, Witz und Sch

[… Fortsetzung im Originalband]
Quelle: Chronik Band I, S. 36-41