Die Urgeschichte: Schlaraffia als Reich Praga 1859-1876

Unbekannt ·Reychsgeschichten

Beschreibung

Geschichte der Allmutter Praga von der Gründung am 10.10.1859 bis zum I. Concil

Volltext

Fast 30 Jahre später, i. J. 18 52, entstanden "neue Wildensteiner" und
zwar unter dem Namen
"Wildensteiner Ritterschaft"
zu Sigmaringen im Hohenzollernschen Land an der Donau.
In ihrem Gründungsschreiben hieß es u. a.: "Die politischel1 Stürme der letzten
drei Jalm l1atteH iedes Band gesellsdJaftlicher Vereinigungen zerrissen . .., die
Gemüt/idtheit aus allei Kreisen verdrängt !md einer starren Selbstsucht die
Herrschaft über alles meHsd1/iche Wollen und Handeln eingeräumt. Wir wollen
unsereU1 BÜl1dl1is den Stempel edtter Brüderlichkeit, el1rkaftel1 BiedersiHl1s Imd
mämllichen Emstes aufdrüdul1, l1ebel1bei aber auch durch Geselligluit, Heiter­
heit ul1d Froksilm das geschlungene BaMd fester und unaufkörlich ImüpfeM."
Es wechselten Ernst und Scherz, Gesang und Musik mit Gesprädlen belehrenden
und unterhaltenden Inhalts. Jedes Mitglied legte sich einen Namen aus der
Zahl der einst in Blüte gewesenen schwäbischen Rittergeschlechter bei
und
man suchte sich die derbe, gerade Sprache jener früheren Zeiten zu eigen zu
machen. Jeden Samstag kamen diese Wildensteiner in ihrer prächtig ge­
schmückten "Burg" zusammen. (Sie benannten sich nach der Burg Wildenstein,
welche in der Nähe der berühmten Benedictinerabtei in den hohenzollernschen
Landen von steilen Felsen ins Donautal herabschaut
ihre eigentliche "Burg"
aber war im Gasthof zur Donau.)
Sie hatten einen Großmeister, einen Senat, Knappen, Junker, Ritter, den
Bannerherrn, den Kantzler, Geheimschreiber, Schatzmeister, Cerem.-Meister,
Burgpfaffen, Burgkapellmeister und Kastellan. Sie rekrutierten sich aus dem
wohlhabenden Bürgerstande und aus fürstlich Sigmaring. Beamten sowie Künst­
lern etc. In ihrer Blütezeit zählten sie über 40 Mitglieder; ihre Zusammen­
künfte nannten sie Condle.
Ein Zusammenhang mit den Sebensteiner "Wildensteinern" bestand nicht.
Auch mit anderen Ritterbünden hatten sie keine Gemeinschaft; nur vorüber­
gehend pflegten sie Verkehr mit der "Rodensteiner Ritterschaft" zu Augsburg
(Veranlassung hierzu waren die "Hans von Hackelberg'schen Erzählungen", in
denen auch Aufsätze der Sigmaringer Ritter erschienen). Nach 37 Jahren
diese wirklich ernstzunehmende Wildensteiner Ritterschaft zu Sigmaringen
1889 ein, weil die Alten starben und es an Nachwuchs fehlte. Von "Schlaraffia"
hatte sie nie etwas gehört.
1838 wurde zu Neuburg (Kärnten) der "r i t t e r 1 ich eH u m pe n b und"
gegründet, dessen Großmeister eine Krone, dessen Mitglieder Schärpen trugen.
In l'v1eran entstand 1840 der "S t e h w ein", dessen Weinspiegel die Würden,
Ämter, Zeremonien und Gerichtsbarkeit vorsieht und der sich aus "Obristen,
Feldhauptmann, Pater usw." zusammensetzte.
Diesen militärisc.l]en Anstrich hatte auch die P ai x h ans 1 i a zu Väckla­
bruck (1856), die sich nach dem Erfinder eines aufsehenerregenden Monstre­
geschützes, dem Artillerieoberst Paixhans, benannte und die Kanone mit dar­
auf reitendem Gambrinus im iNappen führte, bei Festen graue Feldmützen mit
roter Feder trug, Orden und Titel verlieh -
und -
auch eine eigene Zeitung
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("Der Luckenteufel") hatte. Sie hat sich bis zur Jahrhundertwende gehalten.
Dann fehlte der Nachwuchs, und wir lesen die Klage: "Es wird jetzt leider im
guten Österreich von den jUHgel1 Leuten so schreddich viel politisiert, daß sie
darüber den Humor verloren Itabelt."
(Mit ihrer Namensnennung hat die junge Schlaraffia "Paixhanslia an der
Vechlapruggen" die Tradition der alten "Paixhanslia" übernommen und die
Erinnerung daran wieder aufleben lassen.)
Um jene Zeit nun schießen die Ritterschaften und -bünde nur so aus dem
Boden. Als glanzvolle Ritterschaft ist die von dem Schriftsteiler Spork 185'4 zu
Preßburg gegründete "T a f e 1run d e" zu erwähnen.
Studenten in der bayrischen Universitätsstadt Landshut vereinten sich
zu dem Politik ausschließenden "R i t t erb und der S c h w an e n ­
bur ger"; Gymnasiasten (I) waren Knappen. Ihr Treiben erwec.~te Freude
und
Nachahmungsdrang.
Innerhalb
des
"R a u c hk 0 11 e gi ums zu
L a n d s hut" entstand der "G rau e B und auf G rau kat zen ­
s t ein ", der sich ab 1860 zur Rittersdlaft mit einer stilvollen Burg
wandelte. Unter den von ihr herausgegebenen Zeitungen soll die "Nacht­
eule" erwähnt sein. Aus ähnlichen Gesellschaftsschichten bildete sich als­
bald der "S c h wem m r i t t erb und ", nach der "Schwemme", der ge­
wöhnlichen Wirtsstube, benannt und damit den Gegensatz zu dem Herrenbund
der Schwanenburger betonend ("Proletarier" -
"Arcadia" I). Die meisten
bayrischen Ritterschaften der Nachjahre leiten sich aus den Katzensteinern und
Schwemmrittern her. Politik war überall ausgeschlossen, und es heißt in einem
Liede der "D ra c h e n s t ein er" (1866):
"Der Teufel Itol' den Hader mitsamt der Politik,
und geltt die Welt i/i Trümmer,
wir sind gemütlich immer ­
das ist des Ritters Glück."
Ende der 50er Jahre ziehen die "M alt he s er" in Amberg ein, 1859
siedelt Spork von Preß burg nach Graz und machte sofort die "G r a zer
Ta f el run d e" auf, usw., usw.
Zu nennen wäre noch die "D e u t s c heR i t t e r s c h a f t der Pan k­
g r a f e n von 1 3 8 1", der z. Z. Schlaraffias auch Sdtlaraffen als Mitglieder
angehörten und die noch i. J. 1924 das Burgschloß Freienfels (Fränk. Schweiz,
Oberfranken) unter Beteiligung des gesamten Volkes "erstürmten". Sie wagten
sich auch an die Eroberung von Städten wie Ansbach, usw.
Die Pankgrafen erstanden von Berlin aus wieder zu neuem Leben und
ziehen stürmend durchs Land.
Interessant für uns sind aber vor allem die R i t t erg e seIl s c h a f t e n,
die mit "Schlaraffia Praga" direkte Fühlung hatten, als da
sind die in der Chronica erwähnte "S c h w a cl r 0 n eid e r P a pp e n h ei ­
-- 30 ­
In e r
U in München, desgl. die "A ur 0 r a" in Außig und die "P e g n i t z­
R i t t e r
U
in Nürnberg (nicht zu verwechseln mit dem arcadia-ähnlichen
"Pegnesischen Blumenorden" des 17. Jahrhunderts, der sich abgewandelt bis
in die neuere Zeit erhielt),
Schon in den 1860er Jahren hatten die "Pegnitzritter" oder "Ritter an der
Pegnitz", auch "Orden der Pegnitzritter" genannt, Beziehungen zur Schlaraffia
"Praga" und auch "Berolina" angeknüpft. Was es damit aber für eine eigent­
liche Bewandtnis hatte, weiß man nicht. Es ist nur bekannt, daß er ähnliche
Tendenzen und Ziele verfolgte wie Schlaraffia, mit der er in engem Verkehr
stand. Das Reych "Norimberga" selber aber sagt dazu: "Merkwürdigerweise
sind die Beziehungen zu den ,Pegnitz-Rittem' ziemlich loser Art; selten sieht
man beide Bünde vereint zu ritterlichem Tun, während die Archive der ,All­
mutter' eher das Gegenteil vermuten ließen. Doch wäre ein engerer Anschluß
der beiden geistesverwandten Verbindungen vielleicht für beide Teile ersprieß­
lich."
Da zwischen "Praga" und den "Pegnitz-Rittern " a. u. 1574 ein förmlicher
"Schutz- und Trutzbund" abgeschlossen wurde, ist es erfreulich, daß wir nun
Näheres über die Pegnitz-Ritter wissen, und zwar durch den vortrefflichen und
gefeierten R. "P I a tom i t dem Bur g z i n k e n", IViitbegründer der
"Monachia" und der "Vindobona" (prof. Richard Ale x a n cl er, berühmter
Schauspieler und Humorist, langjähriger Direktor des Berliner Residenztheaters
usw.), der in hohem Alter seine "Streiche beim Theater" und dabei auch sein
Schlaraffenleben im Druck brachte. Er lebte als Schauspieler drei Jahre (1876
bis 1879) In Nürnberg und schrieb u. a. darüber:
"Zu den vielen geselligea VeraHstaltuHgen Nümbergs zählteH die Kapitel­
abeflde der ,Ritter CJfl der Peguitz' (,Pegnitzritter' I), einer VereiniguHg VOH
Nümberger KU/lst/cm, SäHgem, Sdtauspielern, bessereH HaHdwerherH, die
ebeHfal1s als KUlistIer galteH, eiHigen Re/ltHem uHd sOHstigefl lieben MeHsdtel1,
de/leH es l11el1r Freude Iftadtte, sidt deH LebeHsgewo/mlleiteH des 16. Jallr­
11UHderts aHzupassefl als denefl des 19.
WeHigsteHs eimHal il1 der Wodle wollte »WH die modeme Haut ablegeH ul1d
im Geiste mit deH friiherel1 Bewol1l1erH Niimbergs sippel1, ihre Art durdtlebefl,
del1l~eH Imd fMtleH. um daHH mit dem BewußtseiH zu erwadteH, daß diese altetl
Meister sidt

[… Fortsetzung im Originalband]
Quelle: Chronik Band I, S. 44-83