SCHLARAFFIA UND DAS
STUDENTISCHE BRAUCHTUM
von Rt Kuni-fechs (232)
Über mögliche Vorbilder und Vorläufer der Schlaraffia wurde viel geschrieben. Parallelen und Ähn-
lichkeiten mit anderen Männerbünden sind unverkennbar; ebenso unbestritten ist ein hoher Eigen-
anteil der Urschlaraffen an der Ausformung unseres Spiels. Die ältesten Quellen der Praga lassen
erkennen, dass dieser Prozess Zeit in Anspruch nahm und insbesondere mit den Namen Graf
Gleichen und Rt Plato verbunden war.
Bei der Frage, was historisch beweisbar ist, sind wir auf Indizien und zufällige Funde angewiesen.
Als Dr. Dietrich Herzog, der nicht Schlaraffe war, auf der 22. Deutschen Studentenhistorikertagung
am 8. September 1962 in Erlangen/Altdorf die Hypothese eines historischen Zusammenhangs zwi-
schen dem studentischen Herzogtum der Prager Lichtenhainer und dem Ritter- und Hofstaatspiel
der Praga vertrat, fand er nicht nur Zustimmung. Die Diskussion um nichtschlaraffische Wurzeln –
speziell das Brauchtum studentischer Korporationen und Einflüsse des maurerischen Zeremoniells
– wird bis heute oft emotional geführt, dabei der Unterschied zwischen äußerer Form und Inhalt
des Spiels oft verkannt.
Da ich selbst einem alten Kösener Corps angehöre, seit vielen Jahren mit Studentengeschichtsfor-
schung befasst, auf der anderen Seite als langjähriger Oberschlaraffe des Reyches Am Erlenanger
mit Spiegel und Ceremoniale weitgehend vertraut bin, reizt mich insbesondere der Vergleich des
Studentencomments mit den früheren und aktuellen Bräuchen der Schlaraffia. Man muss dabei
unterscheiden zwischen A) der möglichen Herkunft einzelner Bräuche aus dem studentischen Be-
reich und B) der Hypothese einer Vorbildfunktion des Bierstaates der Prager Lichtenhainer für das
schlaraffische Ritterspiel.
Mögliche Herkunft einzelner Bräuche aus dem studentischen Bereich.
Um Ähnlichkeiten und Parallelen zu den klassischen studentischen Korporationen und zu den Bier-
staaten aufzuzeigen, will ich mich auf wenige Beispiele beschränken:
l Ämter: Mit den schlaraffischen Ämtern vergleiche man die Hofämter der Bierstaaten. Ursprüng-
lich wurde in der Praga nur ein Oberschlaraffe gewählt, entsprechend dem ebenfalls gewählten
regierenden Fürsten des Bierstaats.
Die heutige Dreizahl der Oberschlaraffen hat kein mittelalterliches Vorbild, sie entspricht jedoch der
Zahl der Chargierten in studentischen Korporationen.
Bannerträger, Ceremonienmeister, Herold, Hofnarr, Kanzler, Marschall, Mundschenk, Schatzmeis-
ter, Truchsess hatten im Bierstaat mit fast identischen Bezeichnungen ihre Analoga. An einem Hof-
tag der Jenaer Lichtenhainer 1818 nahmen u. a. teil: der regierende Herzog, Prinzen, Reichsverweser,
Erzkanzler, Ritter, Hofpoet, Zeitungsschreiber, Hofbauern, Scharfrichter, Reichsherold. 1834 werden
zusätzlich Kanzler, Schatzmeister, Prinzenerzieher, Truchsess, Mundschenk, Erzbischof genannt.
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Zum Amt des schlaraffischen Junkermeisters vergleiche man den studentischen Fuchsmajor, bei
Bierstaaten auch Prinzenerzieher und Räuberhauptmann! – Das Protokoll des Hoftages führte, wie
es auch bei Schlaraffia lange üblich war, ein vom regierenden Fürsten (bzw. fungierenden Ober-
schlaraffen) bestimmter Protokollschreiber. Um die Finanzen kümmerte sich der Finanzminister
des Fürsten. Der Hofmaler hatte vergleichbare Aufgaben wie unser Schmierbuchfechser.
l Ceremoniale: im schlaraffischen Sinne eine Satire auf menschliche Eitelkeiten. Nicht anders war
das Zeremoniell der studentischen Bierstaaten zu verstehen! Satirische Übertreibungen des Bur-
schenbrauchs finden sich schon in der Literatur des 18. Jahrhunderts, so in einer anonymen Schrift
über das „Hospitium“ (Jena 1747) und im berühmten „Erlanger Burschencomment“, der „Disserta-
tio de norma actionum studiosorum“ des Martialis Schluck von Raufenfels (recte cand. jur. Christi-
an Friedrich Gleiß, Erlangen 1778). Trinken, Singen und Duelle nach strengem Ritual spielten eine
zentrale Rolle im Leben des „Musensohns“.
l Duell: Die ursprüngliche Form des schlaraffischen Duells war das „materielle“ (Trinkduell). Wir
finden das Vorbild in den Bierstaaten als Turnier, allgemeinstudentisch als Biermensur oder Bier-
junge. – Noch nach dem 1. Weltkrieg war der Zweikampf mit materiellen Waffen in einigen Reychen
geläufig, nach Zwilling die einzige Anlehnung an studentisches Brauchtum.
Die Biermensur wie das schlaraffische Duell parodierten die Auseinandersetzung mit scharfen
Waffen, die zur Gründungszeit der Praga bei Studenten und Offizieren zur Wiederherstellung der
verletzten Ehre noch obligat war. Bei Hoftagen jedoch gebrauchte man Holzschwerter, wie sie 1861
auch in der Praga eingeführt wurden.
l Händefassen anlässlich des Sippungsschlussliedes: Der Brauch (Bruderkette) kann maureri-
scher wie auch studentischer Herkunft sein; vgl. das Händefassen beim „Landesvater“!
l Humor war in den Bierstaaten nicht unbekannt, allerdings studentisch-derb (vgl. Ritterschlag!);
die Freundschaft war innig. Die Kunst stand nicht im Mittelpunkt; sie beschränkte sich auf die Funk-
tion des Hofpoeten und der Musikanten.
l Humpen, der „Aha“ seit 1861, ursprünglich zum Umtrunk verwendet. – Wenn nicht Vorbild des
Aha, so doch vergleichbar war das „Heilige Horn“ von Lichtenhain. Es spielte im Zeremoniell eine
besondere Rolle u.a. als Wahrzeichen des Praeses. Es ging nach Auflösung der Gesellschaft in den
Besitz der Albia über.
l Insignien/Zeichen der Macht: Wappen, Siegel und hölzernes Szepter gebrauchte man schon in
den Bierstaaten. Der Inthronisation eines neu gewählten Oberschlaraffen entsprach die Krönung
des Bierfürsten. Der regierende Fürst schmückte sich wie der fungierende Oberschlaraffe bei be-
sonderen Anlässen durch einen Mantel mit Hermelin. Ebenso wie dieser sprach er stets im Plural
majestatis und konnte er „pönen“, d.h. Bierstrafen und Bieracht verhängen.
l Knappe, Junker, Ritter. Neu eingetretene Mitglieder hießen in der Praga ursprünglich – wie in den
Bierstaaten! – „Reichsbürger“, die einem „Bürgermeister“ unterstanden; aus dem Bürgermeister
wurde der „Junkermeister“, der wiederum an den studentischen Fuchsmajor (vgl. Fuchsenstall und
Junkertafel!) erinnert. Dem schlaraffischen Paten entspricht allgemeinstudentisch der Leibbursch.
In der Folge kannte man bei Schlaraffia die Zweiteilung Knappe/Ritter (entsprechend Fuchs/
C h r o n i k B a n d I V d e r A l l s c h l a r a f f i a ® m i t I n h a l t s v e r z e i c h n i s d e r 4 C h r o n i k e n O s t e r m o n d 1 5 3 , L a n g s a m , P s e u d o - S c h w a b , T a u r r i e s e u s
Bursch); der Knappe wurde direkt in den Ritterstand erhoben. – Zur späteren Dreiteilung vgl. die
Hierarchie Lehrling, Geselle, Meister bei den Zünften und Freimaurern!
l Kopfbedeckung: Bei den Prager Lichtenhainern trug lediglich der „regierende Herzog“ eine „Kro-
ne“. Auch die Sassen der Praga sippten ursprünglich barhäuptig; nur der Fungierende zeichnete
sich durch die von Rt Höllenstein vermittelte Narrenkappe aus.
l Opposition: Deren Aufgabe nahm in den Bierstaaten der Räuberhauptmann wahr, der zugleich
nichtstudentische Gäste (darunter auch Bauern!) des Hoftages betreute.
l Orden (z.B. Hausorden, St. Hubertusorden u.v.a. „Bierorden“), Titel und Diplome wurden bei
feierlichen Anlässen verliehen werden. Orden bestanden aus bemaltem Blech und wurden am Band
getragen, die Verleihung war reine Parodie und wurde – wie ursprünglich auch bei Schlaraffia – nie-
mals ernst genommen. Bei der Erfindung von Adelstiteln bewies man in den Bierstaaten unglaub-
liche Phantasie, die heute noch manchen Wappen- und Adelsmarschall erfreuen würde. Alljährlich
begingen die Jenaer Lichtenhainer das Fest der Ordensverleihung.
l Reych: Der Bierstaat nannte sich Grafschaft, Herzogtum –
[… Fortsetzung im Originalband]